Lang lebe Stracciatella-Eis!

Stracciatella-Eis schmeckt nicht nur gut, sondern auch nach Kindheit. In den hippen Eisdielen der Großstädte ist für die Sorte scheinbar kein Platz mehr. Ein Kommentar

Sobald im Frühlings das erste Mal die Sonne scheint, bekomme ich Lust auf eine Kugel Stracciatella-Eis. So eine richtig schön leicht vanillige Masse mit großen und kleinen dunklen Schokostückchen, die perfekte Konsistenz aus cremig und knackig. Es ist fast schon ein Automatismus, so wie Ende November plötzlich das Verlangen nach Glühwein kommt – obwohl man das ganze Jahr noch nicht daran gedacht hat.

Das große Problem in Berlin: Eine Eisdiele, die Stracciatella-Eis im Angebot hat, ist fast so schwer zu finden wie ein Arzt, bei dem man nicht mindestens eine Stunde im Wartezimmer sitzt – fast unmöglich. Denn in Berlin isst man Eis anders: mit Meersalz, mit Thymian, in wilden Kombinationen aus säuerlich und süß, gemüsig, obstig, mit Alkohol oder ohne, aus schwarzen Waffeln, zwischen Waffeln, geflockt, gekratzt, gerollt. Je ausgefallener, desto besser. In Berliner Eisdielen, so scheint es, gibt es keine Grenzen. Sie sind das kulinarische Bälleparadies, in dem sich jeder austoben darf.

Neben Walnuss-Feige und Mohn-Grieß-Kirsche können die guten, alten Klassiker offensichtlich nicht mithalten. Kein Eisverkäufer will mit einer so konventionellen Sorte wie “Malaga” auffahren – wir sind hier ja nicht in Brandenburg. Die Prenzlauer-Berg-Kids von heute wissen wahrscheinlich nicht einmal mehr, was das ist.

„Pizza Margherita streicht schließlich auch kein italienisches Restaurant von der Speisekarte, weil Avocados gerade einfach angesagter sind.“

Wenngleich die “neuen” Eissorten ebenfalls gut schmecken, hängt an Stracciatella-Eis und Co. auch eine nostalgische Komponente. So wie das berühmte Trio Erdbeer, Schoko, Vanille verkörpert es den Geschmack unserer Kindheit. Sorten, die jede Eisdiele parat hatte, egal, ob in München oder einer Kleinstadt in Hessen. Und ja, wir Zugezogenen haben unseren Heimatstädten vielleicht auch den Rücken gekehrt, weil es in Berlin progressiver, moderner, urbaner zugeht. Doch irgendwo sollte Schluss sein: Wenn ein Trend die Großstadt regiert, statt auf die tatsächlichen Bedürfnisse zu reagieren, fühlt sich das verkehrt an. Pizza Margherita streicht schließlich auch kein italienisches Restaurant von der Speisekarte, weil Avocados gerade einfach angesagter sind.

Bleibt nur zu hoffen, dass ich das Blatt bald wieder wendet und Stracciatella-Eis ein Revival erlebt. Von mir aus auch unter dem neumodischen Namen “Vanilla-Chocolate-Crunch”.

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Titelbild: © Brooke Lark/Unsplash/CC0

Milena